Angemerkt sei ausserdem noch, dass sich seit dem Artikel einiges getan hat in der kreativen Szene. Mit der Etsykonferenz in Berlin fand das erste grössere Event in die angedachte Richtung statt, die ausserdem die Kreativszene direkt ansprach. Es folgte vor ein paar Wochen die Veranstaltung The Hive, die nicht ganz in die Richtung ging, sich aber in verwandter Weise doch relevanten Themen annahm (und überhaupt: Kreativbloggerkonferenzen sind der letzte Schrei; nach rund fünf Jahren nun auch in Deutschland). In traditionellerer Form gibt es natürlich seit Jahren Veranstaltungen und Workshops für GründerInnen aller Art, und mittlerweile haben es Kreative auch selbst in die Hand genommen, ihr Wissen in Workshops und ähnlichen Veranstaltungen zu teilen.
Das ist ein guter Anfang, dem aber noch viel mehr folgen muss. Und wenn es nach mir ginge, dann vornehmlich Grassroots-Style, also ohne Eigenwerbungsaktionen der grossen Marktplätze.
[Nachtrag, 13.7.: Nun auch bei den Netzpiloten. Ick freu mir!]
Trau Dich, aber mach Deine Hausaufgaben.
Über den Umgang mit Abmahnungen in der Kreativszene

Hand- und Selbergemachtes verkaufen, ob über das Internet oder auf Märkten und Basaren – die Welle des Selbermachens, die seit 2006 auch in Deutschland beständig an Fahrtwind aufnimmt, macht immer mehr Hobbydesignern, DIYlern und Bastlern das Verkaufen ihrer bislang für den Eigenbedarf gefertigten Produkte schmackhaft. Zu verlockend sind die Erfolgsgeschichten von Kreativen, die sich über ihr Hobby ein zweites Standbein, wenn nicht sogar eine eigene Existenz aufgebaut haben. Zu schön der Gedanke, von daheim nebenher doch noch ein wenig mehr Geld auf dem Konto zu haben. Und das mit nur wenigen Klicks. Denn die braucht es gerade einmal, um einen Shop auf einem der immer zahlreicher werdenden Internetmarktplätze für Selbst- gemachtes und Unikate zu eröffnen.
Nur Selbermachen und Herzeigen war gestern.
Nicht nur im Netz ausstellen, sondern Geld verdienen mit dem was man gerne tut, und dann noch von daheim oder aus dem eigens eingerichteten kleinen Studio – davon träumen mittlerweile viele Kreative in Deutschland. Und es sieht auch alles so einfach aus, wenn man die kreativen Blogs aus aller Welt mitverfolgt: da sieht man schöne Produkte, toll eingerichtete Nähzimmer, man sieht, wie beliebt die Kreativen sind und wie toll sie verkaufen. So schwer kann es doch dann nicht sein, denken sich viele, und eröffnen ihren eigenen Onlineshop auf einem der Marktplätze für Hand- und Selbergemachtes wie DaWanda oder Etsy, dokumentieren ihr kreatives Schaffen auf einem eigenen Blog und netzwerken auf Facebook. Doch spätestens wenn die erste Abmahnung ins Haus flattert, oder wenn auf Blogs und Marktplatzforen wieder berichtet wird, wer per kostenpflichtiger Abmahnung zu einer saftigen Geldstrafe verdonnert wurde, kommen viele Kreative knallhart in der Realität an. Denn was vielen nicht bewusst ist: Es gehört mehr zum Verkaufsgeschäft als nur das Produzieren von Produkten und dem Einrichten eines Shops im Internet. Aber darüber bloggt und berichtet keiner. Und manchmal hat es einfach den Anschein, als existiere das, was man nicht sieht, für viele Kreative einfach nicht.
Trau dich. Aber mach Deine Hausaufgaben.
Tatsächlich aber gibt es viel zu
erledigen, bevor man sich mit selbstgefertigten Produkten in den Verkauf
wagen sollte. Und das wiederum hat alles noch nichts mit frohen Stunden
im kreativen Kämmerlein zu tun. Es ist die Arbeit hinter den Kulissen;
die Behördengänge für Gewerbeschein & Co, das Beratungsgespräch bei
einen Steuerberater, die gründliche Recherche nach Lizenzen, Copyrights
und anderen rechtlichen Dingen; das sorgfältige Überprüfen eventueller
sicherheitstechnischer Anforderungen an die geplanten Produkte und
letztendlich eben auch noch der ein oder andere Gedanke über Marketing
und PR. Über diese Dinge ist freilich wenig zu finden in der
Kreativblogwelt. Aber sie existieren und gehören zum Business dazu wie
sorgfältig gefertigte Produkte.
Seitdem The New Handmade, die
Alternative zum Konsum massengefertigter Güter, auch in Deutschland im
Mainstream angekommen ist -und das ist seit ungefähr 2009 der Fall, also
gut drei Jahre, nachdem DaWanda als erster deutscher Kreativmarktplatz
an den Start gegangen ist- scheinen sich die Abmahnungen im
Kreativbereich zu häufen. Unfair finden das die einen, kein Wunder
denken sich die anderen. Da werden Abmahnungen ausgesprochen für den
Gebrauch von Stoffen und anderen Kurzwaren, deren Weiterverarbeitung nur
für den privaten, nichtgewerblichen Bereich erlaubt ist; Schnittmuster
und Bastelvorlagen, die lediglich für den privaten Gebrauch bestimmt
sind, sowie Bastelmaterial wie Stempel und Servietten, die oftmals
geschützt sind und für die gewerblich Handelnde erst einmal Lizenzen
erwerben müssten, stehen auch ganz oben auf der Liste. Und dann wären da
ganz generell noch Designs und Motive, die geschützt und somit
ebenfalls tabu sind.
Die Abmahnungen kommen selten als
freundlicher Warnschuss, sondern sind oft sofort mit einer Kostennote
versehen, die in die Tausende gehen kann. Und sie haben auch sonst
häufig unangenehme Folgen für die Abgemahnten – der Ruin für alle, die
eigentlich “nur” ein paar Euro dazuverdienen wollten. Mittlerweile
häufen sich Diskussionen zu diesen Themen auf Bastelseiten und in den
Foren von Internetmarktplätzen; die Stimmung geht von
eingeschüchtert-ratlos bis wütend-aufwiegelnd. Sieht man einmal von
Abmahnungsfällen ab, bei denen es ohnehin schon um fragwürdige
Praktiken geht, also zum Beispiel offensichtliche Geldscheffelei, so
zeigen die meisten Kreativen kein Verständnis für Abmahnungen, die schon
mit einer Kostennote ins Haus geflattert kommen. Geradezu hitzig werden
die Diskussionen online, da zum einen in der Regel die Abmahnungen über
Anwälte abgewickelt werden, die Betroffenen also nicht einmal
persönlichen Kontakt zum eigentlichen Abmahner bekommen. Zum anderen
wird die kostenpflichtige Abmahnung von sogenannten “Grossen” an “die
Kleinen” als unmoralisch empfunden, da Kleinstunternehmer im
Kreativmarkt sehr oft über keine finanziellen Puffer verfügen, von denen
sie Abmahnkosten bezahlen, geschweige denn einen etwaigen Prozess vor
Gericht bestreiten könnten. Und so wird bereits gefordert, dass gerade
kleine Anbieter erst einmal schriftlich verwarnt werden sollten, bevor
sie eventuell doch noch zur Kasse gebeten werden müssen.
Gerade die Diskussionen im kreativen Web
machen deutlich, wie sehr das Rechtsgefühl Einzelner und tatsächliches
Recht auseinander klaffen: Als besonders unmoralisch werden Abmahnungen
empfunden, die von kreativen Mitbewerbern kommen, welche unter
Umständen auch noch auf demselben Internetmarktplatz verkaufen wie die
Abgemahnten. Menschlicher soll es daher zugehen. Für den Marktplatz
DaWanda haben sich einige Nutzer bereits einen verbindlichen
“Ehrenkodex” gewünscht, der allen Streitigkeiten ein klärendes Gespräch
voranstellen soll.
DIY-Welle meets Professionalität. Und wie geht es weiter?
Gerade die aktuelle DIY-Welle vermittelt
oft den, leider falschen, Anschein, als greife das Gesetz hier nicht.
Als gäbe es kein Urheberrecht, kein Steuerrecht und kein
Wettbewerbsrecht. Aber das ist natürlich nicht so – es liegt einfach an
der Kommunikation. Internetmarktplätze wie DaWanda und vonDir verstehen
sich lediglich als vermittelnde Instanz, also als Verkaufsplattform, und
sahen sich bislang daher verständlicherweise nicht in der Pflicht,
ihren Nutzern auch noch das Einmaleins des gewerblichen Handelns
beizubringen. Und Nutzer missverstehen das Nichtbesprechen gewerblicher
Pflichten als ein Nichtzutreffen. Aber hier empfiehlt es sich, etwas
umzudenken, denn die handmade-Szene zeichnet sich nicht nur durch
kreative Gemeinsamkeiten aus, sondern auch durch den Community-Gedanken.
Man redet miteinander. DaWanda zum Beispiel hat dies aber mittlerweile
erkannt und bietet für das Nachholbedürfnis vieler Nutzer nun
Hilfestellung in Form eines neuen Rechtsportals
an. Etsy, der US-Marktplatz für Handgemachtes, der im vergangenen Jahr
den europäischen Markt in Angriff genommen hat, wird in diesem September
sogar eine Konferenz in Berlin
abhalten, auf der es unter anderem hoffentlich auch in angemessener
Weise um rechtliche Themen gehen wird, die für den hiesigen Markt
relevant sind (das Programm steht noch nicht ganz fest). Sogenannte
“Creative Summits” sind in den USA schon seit Jahren erfolgreich,
während die deutsche Kreativszene auf Vergleichbares ebenso lange warten
musste.
Hilfestellungen und Veranstaltungen
dieser Art sind es, die die deutsche und europäische handmade-Szene
verstärkt braucht, um kleinen Anbietern und Hobbyisten gleichermaßen den
Rücken in rechtlichen, gewerblichen und grundsätzlich professionellen
Sachen zu stärken. Mit Veranstaltungen dieser Art muss außerdem gezielt
auf die Kreativen zugegangen werden; sie müssen darauf aufmerksam
gemacht werden. Wenn Kreative sich ihrer Rechte und Pflichten erst
einmal bewusst(er) sind, wird die Lage auf dem Abmahnmarkt vielleicht
auch etwas entschärft. Einfach deshalb, weil viele Regelverstöße, die
aus Unwissenheit passieren, so gar nicht erst entstehen.
Collage: handmade2.0
Cupcake & Denkblase: Sabrina Eras @flickr, CC BY 2.0




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